Diese Seite verwendet Cookies,
Diese Seite verwendet Cookies, um Ihnen das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Surfen Sie weiterhin auf unserer Seite, stimmen Sie unserer Cookie-Nutzung und unserer Datenschutzrichtlinie zu.
x
Österreich || Burgenland | Kärnten | Niederösterreich | Oberösterreich | Salzburg | Steiermark | Tirol | Vorarlberg | Wien

2008-05-28 00:00:00 / World Award

Interview mit Michail Gorbatschow

ENERGY GLOBE Award-Träger hält die ökologische Frage für die dringendste Herausforderung der Menschheit

F: Ist die Zerstörung der Umwelt wirklich der Menschheit wichtigstes Problem, wenn so viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben? Was sagen sie, wenn Menschen meinen, eine Veränderung ihres Lebensstils zugunsten der Umwelt sei ein Luxus, den sie sich nicht leisten können?

Die wichtigsten Probleme sind Armut, Luft- und Wasserqualität, unhygienische Verhältnisse, niedrige Produktivität der Landwirtschaft… aber alle haben sie mit Ökologie zu tun.

Es ist Unfug zu sagen, dass Ökologie ein Luxus ist – es handelt sich um die vorrangige Frage unserer Zeit. Die zweite Priorität ist die Armutsbekämpfung, da zwei Milliarden Menschen von 1 bis 2 Dollar (0,60-1,30 €) pro Tag leben. Die dritte Priorität ist die globale Sicherheit, einschließlich der nuklearen Bedrohung und der Massenvernichtungswaffen. Dies sind die drei wichtigsten Probleme, aber ich sehe die Ökologie an erster Stelle, weil sie uns alle direkt berührt.

F: Sie haben in der Sowjetunion weit reichende Veränderungen herbeigeführt und sehr viel zum Ende des Ost-West-Konflikts beigetragen. Welche Lehren lassen sich davon ableiteten für ein neues Denken, eine „Welt-Perestroika" und ein Ende unseres Konflikts mit der Natur?

In der Mitte der 80er Jahre haben die führenden Politiker der großen Staaten erkannt, dass etwas getan werden muss. Der Herr im Himmel hat dann veranlasst, dass sich die Wege von Gorbatschow, Reagan, Bush, Thatcher, Mitterrand und anderen gekreuzt haben und weise genug waren, alle möglichen Clichés und gegenseitigen Vorurteile zu überwinden und miteinander über die atomare Gefahr zu sprechen.

Heute ist die Welt eine andere und die Zeiten haben sich geändert, wir leben in einer globalisierten Welt, die Länder sind stärker voneinander abhängig und Staaten wie Brasilien, China und Indien haben die Weltbühne betreten.

Die wichtigste Lehre ist, dass ein Dialog entwickelt werden muss. Vertrauen muss aufgebaut werden. Wir müssen uns von der Politik der Macht des Stärksten lossagen. Das führt zu nichts Gutem.

Wir müssen verstehen, dass wir alle im gleichem Boot sitzen und rudern müssen, sonst rudern die einen und die anderen schütten Wasser ins Boot und andere schlagen Löcher in den Rumpf. In so einer Welt gewinnt niemand.

Schauen Sie sich die USA im Irak an: Alle waren dagegen, sogar ihre Verbündeten, aber sie haben nicht auf sie gehört. Und was ist passiert? Sie wissen jetzt nicht, wie sie wieder raus kommen sollen.

Wir wissen alle, dass die USA sehr bedeutsam sind, wir alle mit ihnen verbunden sind und wenn sie auseinander fielen, es zu einem wirklichem Kollaps kommen würde. Wir müssen ihnen helfen dort wieder raus zu kommen. Das bedeutet, dass Zusammenarbeit notwendig ist, eine neue Weltordnung notwendig ist und globale Mechanismen, mit der wir sie managen.

Nach dem Kalten Krieg sprachen alle von einer neuen Weltordnung sogar der Papst sagte, dass eine neue Weltordnung notwendig ist – stabiler, gerechter, humaner.

Doch dann fiel die Sowjetunion auseinander (vor allem aus internen Gründen) und die USA konnten der Versuchung nicht widerstehen, die Konfusion zu nutzen. Politische Eliten wurden ausgetauscht, jene welche den Kalten Krieg beendet hatten, verließen die Bühne und die, die sie ersetzten, wollten selbst Geschichte schreiben.

Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen und Fehltritte machten die Welt unregierbar. Wir leben jetzt in einer chaotischen Welt. Neue Lebensweisen und neue politische Mechanismen könne aus dem Chaos hervorgehen, aber das Chaos kann auch zu Störungen, Widerstand und bewaffneten Konflikten führen.

F: Die Gorbatschow-Stiftung setzt sich für eine „neue Zivilisation“ ein. Wie sieht eine solche neue Zivilisation aus? Und woher sollen die Ressourcen für grundlegende Veränderungen kommen?

Es geht nicht allein um Geld. Wenn international Angelegenheiten ohne wirkliche Ordnung gehandhabt werden, brauchen sie mehr Geld. Es geht um Vertrauen, Zusammenarbeit, Dialog, gegenseitige Hilfe und Austausch. Warum wächst Europa wirtschaftlich? Nur weil es die EU gibt. Das ist der Weg zu neuen Möglichkeiten, die EU ist ein gutes Beispiel.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Aus meiner Sicht ist die EU als System bereits überladen, überlastet. Es braucht die Weisheit zu wissen, wann man anhalten muss, wann voranschreiten, und die Dinge nicht zu überstürzen.

F: Wie steht es um Russland? Entwickelt sich das Land in die richtige Richtung?

Ich denke, dass die Richtung stimmt. Allerdings ist Russland auf halben Weg, was den demokratischen Übergang angeht. Aber Russland wird jetzt weiter fortschreiten. Zu Zeiten von Boris Jelzin behandelten alle Russland wie einen Bettvorleger. Das ist jetzt nicht mehr möglich, Sie müssen diese Zeiten vergessen. Russland ist jetzt auf Augenhöhe.

Zum Artikel: Ehren-Award für Gorbatschow

Quelle: Aussendung des Europäischen Parlaments

 
 
 
Hier geht's zu weiteren Energy Globe Websites
    • facebook
    • youtube